Wer an Frankreichs Atlantikküste unterwegs ist, kann den Strandtag um einen Werkstattbesuch ergänzen. Zwischen der Brière bei Saint-Nazaire und dem Baskenland arbeiten Messermacher, Glasbläser und Bootsbauer mit sehr unterschiedlichen Materialien. Manches stammt aus dem Moor, anderes aus der Welt der Seefahrt. Und in den Surfregionen lässt sich beobachten, wie aus einem Rohling ein Brett für die nächste Welle wird.
Die folgenden sechs Stationen führen von Norden nach Süden. Sie lassen sich einzeln in einen Urlaub einbauen oder als Anregung für eine längere Küstenreise nutzen. Im Mittelpunkt stehen die Werkstätten und ihre Produkte, vom kleinen Schmuckstück bis zum hölzernen Boot.
Loire-Atlantique: Dunkles Holz aus der Brière
Die Geschichte der Morta-Messer aus dem Atelier JHP beginnt lange vor der Arbeit an der Klinge. Ihr Griff besteht aus Eichenholz, das über Jahrtausende im Moor der Brière erhalten blieb. Der Luftabschluss konservierte die Stämme, die Lagerung gab dem Holz seine dunkle Farbe. Morta heißt dieser Rohstoff, den die Werkstatt selbst aus dem Moor birgt.

Bei Jean-Henri Pagnon wird daraus ein Gegenstand für den täglichen Gebrauch. Der Holzgriff trifft auf eine von Hand gefertigte Klinge; angeboten werden unter anderem Klappmesser, feststehende Messer und Küchenmesser. Wer die Werkstatt bei Saint-Nazaire besucht, kann sich das Material und seine Gewinnung erklären lassen und die verschiedenen Modelle kennenlernen.

Im selben Atelier arbeitet Hélène Pagnon mit dem alten Eichenholz. Für Morta Bijoux entstehen daraus Schmuckstücke. Das dunkle Material setzt dabei einen anderen Akzent als am Messergriff. Ein Besuch zeigt zwei Verwendungen desselben Rohstoffs und die unterschiedlichen Entscheidungen, die beim Entwerfen daraus folgen.

Vendée: Glas und Geflecht in Sallertaine

Sallertaine im Marais Breton Vendéen ist ein geeigneter Ort, um mehrere Handwerke auf kurzen Wegen kennenzulernen. Der als „Ville & Métiers d’Art“ ausgezeichnete Ort versammelt zahlreiche Ateliers. Zwischen Glas, Keramik, Schmuck und Leder lässt sich der Rundgang nach Interesse gestalten.
Bei Phil de Verre arbeitet Philippe am Brenner. Er erhitzt Glasstäbe und Glasröhren auf rund 1.400 Grad und formt daraus Figuren und Tiere. Pinzetten, Flamme und die Bewegung des weichen Glases bestimmen das Ergebnis. Seine oft humorvollen Gestalten erinnern an Zeichentrickfiguren. Bei Vorführungen im Atelier lässt sich verfolgen, wie die einzelnen Formen entstehen.
Émilie Massonnet beschäftigt sich in ihrem Atelier Mille Brindilles mit Korbflechterei. Sie verarbeitet Weide und Rattan, ergänzt die Geflechte aber auch um Treibholz, Leder oder Mineralien. Neben Körben entstehen dekorative Objekte. Der Unterschied zum Glasatelier ist schon im Arbeitsablauf sichtbar: Hier wird eine Form Reihe für Reihe aufgebaut, dort mit Hitze modelliert.


Charente-Maritime: Maritime Materialien als Tasche
In La Rochelle führt der Weg zu Matlama. Das Atelier mit Laden liegt am Quai Louis Prunier in einer ehemaligen Fischmarkthalle. Die Verbindung zum Hafen findet sich auch in den Entwürfen wieder. Segeltuch, Materialien aus der Austernzucht und robuste Stoffe werden für Taschen, Körbe und Accessoires verwendet.

Gegründet wurde die Marke von Marina Richer, die zunächst Kostüme fertigte. Ihre ersten Taschen entstanden aus wiederverwendeten Materialien. Heute unterscheidet Matlama zwischen dieser Entstehungsgeschichte und der laufenden Produktion: Für Serien kommen eigens ausgewählte Materialien zum Einsatz. Das Gittermaterial der Körbe wird inzwischen aus vollständig recyceltem Polyethylen hergestellt.

Die Taschen werden im Atelier in La Rochelle gefertigt, die Körbe in einer Werkstatt in der Umgebung. So lässt sich vor Ort nachvollziehen, wie ein Material für einen anderen Zweck zugeschnitten, vernäht und zu einer tragbaren Form zusammengesetzt wird. Die maritime Herkunft der Idee bleibt dabei auch am fertigen Produkt erkennbar.
Gironde: Holzboote für das Bassin d’Arcachon
Am Bassin d’Arcachon lohnt sich der Blick auf die Pinassen. Die langen, schmalen Holzboote wurden für Fischerei und Austernzucht genutzt. Ihre Form gehört bis heute zum Bild der Bucht. Manche dienen inzwischen als Freizeitboote, entsprechend verändert haben sich Ausstattung und Ansprüche an den Komfort.
Die Werft Dubourdieu in Gujan-Mestras baut seit dem 19. Jahrhundert Boote. Ihre Geschichte führt von geruderten Arbeitsbooten über motorisierte Pinassen zu den heutigen Modellen. In der Werkstatt werden Rümpfe aus Holz aufgebaut und auf die jeweilige Bestellung abgestimmt.
Die Fotos aus dem Bootsbau zeigen, was am fertigen Boot weitgehend verborgen bleibt: das Gerüst, die Verbindungen und die Arbeit innerhalb des Rumpfs. Draußen auf dem Wasser sieht man vor allem die geschwungene Linie. In der Werft wird sichtbar, wie viele einzelne Bauteile dafür zusammenpassen müssen.


Landes: Surfboards und Reben im Sand
Rund um Capbreton gehört das Surfboard zum Alltag an der Küste. Bei Escoda Surfboards fertigt Kévin Escoda die Bretter von Hand. Beim sogenannten Shapen wird der Rohling in die gewünschte Form gebracht. Volumen, Kurven und Gewichtsverteilung richten sich nach dem geplanten Einsatz und dem Surfer, der das Board später ins Wasser trägt.


Dabei geht es um kleine Unterschiede, die am fertigen Brett kaum auffallen: wie eine Kante verläuft, wo das Board breiter wird und wie viel Material an welcher Stelle bleibt. Die Aufnahmen aus der Werkstatt halten diese Arbeitsschritte fest. Neben neuen Boards gehören bei Escoda auch Reparaturen zum Angebot.
Ein anderer Abstecher führt zu den Vins des Sables. Die Domaine de La Pointe bewirtschaftet bei Capbreton einen Weinberg auf sandigem Boden hinter den Dünen. Hier lässt sich die Reise um einen Besuch zwischen den Reben und eine Weinprobe ergänzen. Geführte Besuche und Verkostungen bietet das Weingut in unterschiedlichen Formaten an.


Baskenland: Ein Stock mit vielen Arbeitsschritten
In Larressore, unweit von Espelette, fertigt Ainciart Bergara den Makhila. Der traditionelle baskische Geh- und Wanderstock verbindet Holz, Leder und Metall. Wie viel Vorbereitung in ihm steckt, wird beim Blick auf die Herstellung deutlich. Das verwendete Mispelholz wird bereits am lebenden Strauch eingeritzt. Die verheilenden Stellen geben der Oberfläche später ihre Zeichnung.
Nach dem Schneiden und Entrinden trocknet das Holz bei Ainciart Bergara zehn Jahre. Erst danach folgen weitere Arbeiten am Schaft. Metallteile werden von Hand geformt und verziert, Leder wird für Griff und Schlaufe geflochten. Die Teile werden schließlich passgenau zusammengefügt. Namen und Initialen können den fertigen Stock persönlich machen.


Im nahen Anglet fertigt NOTOX Surfboards von Hand. Die Werkstatt beschäftigt sich mit unterschiedlichen Bauweisen und Materialkombinationen. Die Aufnahmen zeigen die Arbeit am Rohling und ein Brett mit Korkoberfläche.

Zum Einsatz kommen je nach Konstruktion unter anderem Flachsfasern, Kork und recycelte Materialien. Für seine Bauweise R-Carbon kombiniert NOTOX beispielsweise recyceltes Polystyrol mit teilweise biobasiertem Epoxidharz und Resten technischer Carbonfasern aus der Luftfahrtindustrie. Die Werkstatt ergänzt damit die Reise um die Frage, woraus ein Surfboard aufgebaut ist.

Für Werkstattbesuche lohnt es sich, vorab Kontakt aufzunehmen und Vorführungen oder Führungen abzustimmen. Die sechs Stationen sind als Auswahl gedacht. Wer nur einen Küstenabschnitt bereist, kann sich dort Zeit für ein Atelier nehmen, statt die gesamte Strecke abzufahren.