Der Marktplatz von La Rochelle. ©Evelyn Narciso

Die perfekte Kombination: Städtetrip und Inselurlaub 

Ein Besuch an der französischen Atlantikküste in La Rochelle und der Île de Ré bietet historische Fachwerkhäuser, malerische Dörfer, kulinarische Köstlichkeiten, und traumhafte Strände. Die Region ist reich an Geschichte, Kultur und natürlicher Schönheit, die es zu entdecken gilt.

Picture of Erstellt von: Evelyn Narciso
Erstellt von: Evelyn Narciso

Es gibt Orte, die wie guter Rotwein oder Lieblingsmusik wirken und die sich wie eine muckelige Wolldecke aus Glücksgefühlen ums Gemüt hüllen. Genauso fühlt sich ein Besuch im Norden der französischen Atlantikküste an. In La Rochelle, Hauptstadt des Départements Charente-Maritime, gibt es neben historischen Fachwerkhäusern jahrhundertealte Arkaden und Markthallen, die zum ausgiebigen Bummeln und Probieren lokaler Delikatessen einladen. Und direkt vor der Stadt, nur eine Brückenüberquerung entfernt, liegt die Insel Île de Ré, die mit ihren in der Sonne funkelnden Sanddünen und pittoresken Dörfern lockt.

Café mit Flair in La Rochelle. ©Evelyn Narciso

Urkunden belegen, dass La Rochelle etwa im 10. Jahrhundert gegründet worden ist. Der heutige Yachthafen Vieux-Port war einst einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte für den Wein- und Salzhandel an der französischen Atlantikküste. Vier vorgelagerte Atlantik-Inseln und drei massive Wachtürme schützten ihn vor Räubern. Der Saint-Nicolas-Turm sowie der Kettenturm, der La Tour de la Chaîne, bewachen heute noch den Eingang zum mittelalterlichen Hafen. Direkt neben dem Kettenturm befindet sich eine Treppe, die auf die alte Wehrmauer und weiter zum Laternenturm führt. Der Turm hatte nach seinem Bau zunächst keine Spitze. Erst später wurde die massive Sturmspitze draufgesetzt. Er diente fortan als Leuchtturm. Neben seinem Einsatz als Leuchtfeuer wurde der Laternenturm ab dem 16. Jahrhundert als Gefängnis genutzt. Nach der Revolution und den Kriegen im Kaiserreich endete die Blütezeit La Rochelles und es geriet in Vergessenheit. Erst als 1890 der Handelshafen La Pallice errichtet wurde, spielte die Stadt wieder im internationalen Handel mit und ist bis heute der sechstgrößte Seehafen Frankreichs.

Märchenhafte Atmosphäre und ein Prizessinnenschloss

Das Rathaus von La Rochelle wirkt wie ein Prinzessinnenschloss. ©Evelyn Narciso

Wer vom Yachthafen in die Altstadt spaziert, findet sich in Häuserschluchten aus Altbauten mit Patina und bunten Fachwerkhäusern wieder. Doch dort, wo sich normalerweise Holzbalken befinden, sind Schieferplatten an die Außenwand genagelt. Sie dienen dazu, die Holzständer- und Riegel vor Salz und Wind zu schützen. Der märchenhaften Atmosphäre nicht genug, wirkt das Rathaus von La Rochelle mit seinen Zinnen wie ein Prinzessinnenschloss. An den Ecken stehen Türmchen mit farbenfrohen Turmspitzen. Der Laubengang im Erdgeschoss wird von verschnörkelten Säulen gehalten. Zwischen den Fenstern im ersten Stock wurden Statuen eingearbeitet, die die vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung symbolisieren. Die Gemäuer wurden im 17. Jahrhundert errichtet und im 19. Jahrhundert erweitert, weswegen das Rathaus sehr neu wirkt. Da das ursprüngliche Rathaus, dessen Gemäuer noch erhalten sind, aus dem 13. Jahrhundert stammt, ist das Rathaus von La Rochelle eines der ältesten Frankreichs.

Die Markthallen sind von 1834

Ein Schlachter beim Plausch mit einem Kunden in der Markthalle von La Rochelle. ©Evelyn Narciso

Meldet sich beim eifrigen Erkunden der Stadt der Hunger, empfiehlt sich ein Abstecher zum historischen Markt XIX. Die Markthallen wurden 1834 an der Stelle erbaut, wo sich zuvor die Grande-Boucherie, der erste Fleischmarkt der Stadt, befand. Der Markt ist täglich bis 13:30 Uhr geöffnet. Jeden Mittwoch und Samstag wird er bis in die umliegenden Straßen hinein erweitert. Dann gesellen sich auch lokale Kunstschaffende hinzu, um Handgemachtes zu verkaufen. Die Markthallen sind seit jeher ein Ort, der von den Einheimischen nicht nur zum Einkaufen, sondern als Treffpunkt genutzt wird. Auch die Besitzer der Marktstände haben keine Eile und bieten neben Waren auch Smalltalk an. So erzählt der Käsehändler, dass die lokale Käsespezialität aus Ziegenmilch besteht und den Namen Chabichoo trägt. Der Schlachter erklärt beim Zubereiten seiner Pasteten: „Du musst nur genug Grünzeug in die Leberwurst tun, dann essen die Kinder auch Gemüse.” Und der Austernfischer demonstriert gekonnt, wie das sichere Öffnen von Austern funktioniert.

Die schönsten Dörfer Frankreichs liegen auf derInsel Île de Ré

Wer La Rochelle besucht, sollte direkt ein paar Tage dranhängen, denn nur eine kurze Brückenüberquerung trennt das Festland vom ganz großen Inselglück auf der Île de Ré. Zehn Dörfer gibt es auf dem kleinen Eiland. Zwei von ihnen, Ars en Ré und La Flotte, zählen zu den schönsten Dörfern Frankreichs. Nahezu 140 Kilometer Radweg laden zu ausgiebigen Touren ein. Die Wege führen durch Wälder, an Weinreben und Salzgärten vorbei und am Strand entlang. Sie verbinden die Häfen im Norden mit den endlosen Stränden im Süden. 

Der Hafen von Saint Martin de Re. ©Evelyn Narciso

Saint-Martin-de-Ré ist die historische Hauptstadt der Insel. Vor ihren Toren begrüßen Esel, die im ehemaligen Wassergraben grasen, die Ankommenden – an Festtagen meist in bunten Hosen gekleidet. Esel spielten in früheren Zeiten eine wichtige Rolle und sind das Wahrzeichen der Insel. Sie wurden für die Landwirtschaft genutzt und waren Transportmittel, um von Dorf zu Dorf zu gelangen. Um die Tiere vor Mücken zu schützen, wurden ihnen Hosen über die Beine gezogen. Das geschieht heute nur noch zu besonderen Anlässen. 

Aufgrund der strategisch günstigen Lage vor der Küste Frankreichs wurden in Saint-Martin-de-Ré im frühen 17. Jahrhundert umfangreiche Festungsanlagen errichtet. Im Jahre 1681 erweiterte Vauban sie um eine mächtige Ringmauer mit einem Durchmesser von 1,5 Kilometern. Vauban war ein berühmter Festungsbaumeister und erlangte schon zu Lebzeiten den Ehrentitel Ingénieur de France. Neben eigenen Festungen und Projekten, modernisierte er unzählige bereits bestehende Festungsanlagen. Zusammen mit anderen Werken in ganz Frankreich gehört Saint-Martin-de-Ré seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe Festungsanlagen von Vauban. Über das ganze Städtchen verteilt lassen sich historische Kulturschätze finden.

Blick vom Glockenturm auf Île de Ré. ©Evelyn Narciso

117 Stufen hinauf auf den Glockenturm

Den besten Ausblick auf die Stadt, weite Teile der Insel und den Atlantik hat man vom Glockenturm aus. Im 14. Jahrhundert hat es an dieser Stelle eine Kirche gegeben, die jedoch bei verschiedenen Schlachten und Kriegen mehrmals zerstört wurde. Das Gebäude, wie es heute steht, stammt aus dem 18. Jahrhundert. Ist der Aufstieg über die enge, schwindelerregende Wendeltreppe mit 117 Stufen geschafft, wird man mit einem unvergesslichen Panorama belohnt: Am Horizont verschwimmt das Blau des Meeres mit dem des Himmels. Ein Blick nach unten zeigt ein Gassen-Wirrwarr aus historischen Bauten, das sich zu allen Seiten ausbreitet. In den Ruinen der Kirchtürme flattern Tauben wild umher. Segelboote schaukeln auf den sanften Wellen des Yachthafens, dessen Promenade mit Häusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert gesäumt ist. Von Juni bis September findet auf der dort fast täglich ein Markt mit lokalen Spezialitäten statt. 

Ein Muss ist der Besuch einer der über 60 Austern-Farmen

Nur etwa fünf Minuten Radfahrt vom Hafen entfernt genießen Besucher die Insel-Delikatesse schlechthin in quasi erster Reihe: Auf der Île de Ré gibt es mehr als 60 Austern-Farmen und eine befindet sich direkt vor den Tischen der Austernbar Ré Ostréa. Während man genüsslich vor sich hinschlürft, können die Bauern dabei beobachtet werden, wie sie mit großen Traktoren durch das Watt tuckern und die Austern-Körbe schütteln, drehen oder auf den Anhänger werfen. 

In den Austern-Bars gibt es auch Crevetten. ©Evelyn Narciso

Die zweite Spezialität der Île de Ré ist Salz. Die Salzgewinnung begann auf der Insel bereits im Mittelalter und Ende des 19. Jahrhunderts gab es mehr als 1.000 Salzfarmen auf der Insel. Doch das Handwerk geriet im Laufe der Zeit in Vergessenheit. Heute erlebt es eine kleine Renaissance und mittlerweile gibt es wieder 100 Salzfarmen. An den Seiten vieler Salinen stehen kleine Marktstände, an denen die Besucher Salz oder Produkte, die mit dem Salz der Saline hergestellt wurden, kaufen können. Eine kleine Spardose für das ehrliche Geld steht direkt daneben. 

An die rund 100 Kilometer lange Küstenlinie der Île de Ré schmiegen sich einige der schönsten Strände Frankreichs. Der schönste der Insel ist der Plage de Gollandières. Ein breiter Holzsteg führt über die Dünen hin zum traumhaften Meerespanorama. Auf dem breiten feinsandigen Strand spielen Jugendliche Volleyball, Familien liegen im Schatten bunter Sonnenschirme. Die Wellen des türkisblauen Meeren schlagen gemächlich ans Ufer – eine Kulisse wie ein wahr gewordenes perfektes Gemälde!